Das Lemming-Prinzip
Der Titel „Das Lemming Prinzip“ von Garry Belsky und Thomas Gilovich ist 1999 in den USA als Original- und 2007 als deutsche Erstausgabe erschienen. Der Finanzjournalist und der Psychologieprofessor erläutern auf gut 200 Seiten mehrere Erkenntnisse der Verhaltensökonomie (Behavioural Economics), die ursprünglich auf die beiden israelischen Wissenschaftler Kahnemann und Tversky zurückgeht.
Unter anderem werden folgende diverse typisch menschliche Verhaltensweisen dargestellt:
- In der „mentalen Buchhaltung“ bewertet der Mensch dieselbe Kaufkraftmenge unterschiedlich, je nach Herkunft oder Verwendungszweck. So wird gefundenes, geschenktes oder leicht verdientes Geld sehr leichtfertig auch wieder ausgegeben, obwohl es derselben Kaufkraft wie Geld beispielsweise aus eigenem Arbeitseinkommen entspricht. Ein Geldzufluss wie z.B. aus einer Erbschaft wird dahingegen zu vorsichtig behandelt und aufgrund der folgenden konservativen Anlageentscheidung werden mögliche Mehrerträge versäumt.
- Bei der „Verlustaversion“ wiegt ein Verlust emotional stärker als ein Gewinn, was beispielsweise dazu führen kann, dass ein Mensch in turbulenten Börsenzeiten seine gesamten Kapitalanlagen verkauft, obwohl dies langfristig nicht sinnvoll ist.
- Die „sunk cost fallacy“ orientiert sich an vergangenen, bereits getätigten Geldausgaben z.B. für ein Projekt. Anstatt sich auf eine Kosten-/Nutzenanalyse für die Zukunft zu fokussieren, wird aufgrund bereits getätigter Ausgaben argumentiert und weitere Mehrzahlungen werden für das Projekt getätigt, um den zuvor getätigten Zahlungen einen Sinn zu geben, obwohl dies insgesamt (wegen der gesamten Ausgaben in Bezug auf das nicht sinnvolle Projekt) nicht rational sein kann.
- Bei der „Größentendenz“ werden kleine Zahlen wie z.B. Transaktionskosten im Gegensatz zu vermeintlich größeren Zahlen vernachlässigt, was zu haarsträubenden Ergebnissen führen kann.
- Die „Verankerungsheuristik“ beschreibt die Fixierung auf bestimmte Beträge oder Ereignisse, die dem Menschen (oft) als (wenig sinnvolle) Grundlage für Entscheidungen dienen.
- Die „Bestätigungsneigung“ ist das Festhalten an eigenen Denk- und Verhaltensmustern, bei der Bestätigungen für die eigenen Muster gesucht werden.
- Der „Herdentrieb“ führt gerade in wahrgenommener Unsicherheit zu Anpassung und zur Nachahmung des Verhaltens von anderen, so dass z.B. Aktien verkauft werden, wenn die Kurse fallen.
- „Illusorisches Wissen“, also ein Zuviel an Wissen, wie das zeitnahe Verfolgen von Finanznachrichten, Details, Schwankungen im Geschäftsverlauf usw. kann zu aktiverem Anlageverhalten führen, was in der Regel die Rendite schmälert.
Die Autoren verstehen es, den Leser direkt anzusprechen und zum Nachdenken anzuregen. Insbesondere anfangs öffnen sich dem Leser die Augen und man erkennt eigene Verhaltensweisen wieder. Genau dies hilft dem versierten Anleger, zukünftig besser eigene Verhaltensweisen zu reflektieren und gegebenenfalls zu korrigieren.
Das Buch ist leicht verständlich, flüssig und anfangs spannend geschrieben, lediglich am Ende im Schlussteil flacht die Qualität aufgrund der Wiederholungen und relativ platter Tipps merklich ab.
Wenn ich mir vor Augen führe, dass dieses Buch 1999 erschien und man es zu diesem Zeitpunkt als ein noch unerfahrender Anleger gelesen hätte, wäre man vielleicht den Folgen des Platzens der Spekulationsblase in Internet-, Medien- und Telekommunikationstiteln im Frühjahr 2000 besser ausgewichen.
Das Lemming Prinzip ist aufgrund seiner zahlreichen Aha-Erlebnisse, die man bei der Buchlektüre unweigerlich erfährt, sehr empfehlenswert.
Ulrich Konstanzer, AAC-Gesellschafter

